Mitsegeln in Kroatien: Mein erster Segeltörn ab Punat
Ich bin kein Segler. Aber ich bin gern im und auf dem Wasser. Die Möglichkeit, einen Mitsegel-Törn zu buchen, kam mir daher gelegen. Was Mitsegeln praktisch bedeutet und was eine Woche vor der kroatischen Küste mit einem macht – darum geht’s in diesem Text.
Route: Punat – Goli Otok – Rab – Krivica Bay – Mali Lošinj – Veli Losinj – Punat
Reisezeitraum: 22.07.2023 bis. 29.07.2023
Gebucht bei: TÜRTLEY Sailing Crew
Text: Harald
Fotos: Harald
„Ich bin dann mal weg“
Wer kennt sie nicht, diese fünf berühmten Worte von Hape Kerkeling? Mit seinem Buch und Hörbuch über den Jakobsweg hat er viele Menschen dazu inspiriert, selbst die Wanderschuhe zu schnüren. Mich eingeschlossen.
Fest entschlossen, diese Erfahrung ebenfalls zu machen, war ich schon lange. Dass zwischen dem Entschluss und der Umsetzung mehr als 15 Jahre liegen würden, hätte ich damals allerdings nicht gedacht.
Die Planung beginnt
Ende 2024 war es dann endlich so weit: Jetzt oder nie! Also begann ich im Internet nach einem Anbieter zu suchen, der uns die Planung etwas erleichtern würde. Unsere Wünsche waren überschaubar: günstige und saubere Unterkünfte, aber bitte keine Herbergen, dazu Frühstück und ein Koffertransport. Wir wollten pilgern, aber doch mit ein klein bisschen Luxus.
Nach einiger Recherche stieß ich auf „Orbis Ways“ – und das erwies sich als echter Glücksgriff. Per E-Mail buchten wir unsere Pilgerreise für den Zeitraum vom 21. bis 27. Oktober 2025.
Warum der nördliche Jakobsweg Spanien?
Auf Anraten eines Freundes entschieden wir uns für den nördlichen Jakobsweg, da weniger bis keine Pilger. Und er hatte recht. Bis zu unserem Ziel hatten ungefähr 10 Pilger unseren Weg gekreuzt. Unsere Route führte von Bilbao nach Santander, aufgeteilt auf fünf Tagesetappen.
Von Orbis Ways erhielten wir detaillierte Tagespläne mit allen wichtigen Informationen zu den einzelnen Strecken und Unterkünften. Auch der Koffertransport war organisiert.
Auf nach Bilbao
Die Flüge von München nach Bilbao und zurück buchten wir selbst bei der Lufthansa. Da jede Fluggesellschaft inzwischen für fast alles einen Aufpreis verlangt und ein zusätzlicher Koffer mit 30 Euro zu Buche schlug, beschlossen wir, uns einen Koffer zu teilen. Erstaunlicherweise funktionierte das problemlos. Offenbar braucht man zum Pilgern deutlich weniger als für einen normalen Urlaub.
Da die Anreise mit der Bahn wieder einmal keine echte Option war – unser Rückflug landete so spät, dass wir nicht mehr nach Hause gekommen wären – fuhren wir mit dem Auto und übernachteten am Vorabend bei unserem Junior in der Nähe von Landshut.
Der große Tag
Am 21. Oktober ging es schließlich los. Da unser Junior und unsere Schwiegertochter am selben Tag ebenfalls in den Urlaub starteten, machten wir uns nach dem Frühstück auf den Weg zur Firma Irl in Eitting. Dort parkten wir unser Auto und ließen uns bequem zum Flughafen bringen.
Mit Firma Irl hatten wir bereits mehrfach gute Erfahrungen gemacht und wurden auch diesmal nicht enttäuscht. Für 90 Euro für 7 Tage erhält man dort einen überdachten, bewachten Stellplatz, wird per Shuttle-Service direkt zum Gate gebracht und von dort auch am Ende der Reise wieder abgeholt. Das ist ziemlich entspannt und vor allem preiswerter, als die Parkhäuser direkt am Flughafen München.
Am Flughafen lief dann alles erstaunlich reibungslos. Keine endlosen Warteschlangen, keine Hektik – fast schon verdächtig. So konnten wir pünktlich, beziehungsweise nahezu pünktlich, in Richtung Bilbao starten. Unser Abenteuer „ Jakobsweg“ konnte beginnen.
Ankunft in Bilbao
Nach unserer Landung nahmen wir den Bus A3247 (alternativ fährt auch der A2153) in Richtung Bilbao. Die Stadt im Norden Spaniens ist Industrie- und Hafenstadt zugleich und gilt mit rund 348.000 Einwohnern als heimliche Hauptstadt des Baskenlandes.
An der Haltestelle Alameda Recalde 14 stiegen wir aus. Von dort führte unser Weg durch die Calle Juan Ajuriaguerra Kalea und anschließend links in die Ercilla Kalea. Über die futuristisch anmutende Fußgängerbrücke Zubizuri überquerten wir den Nervión und bogen danach rechts in die Campo de Volantín ein, an der unser Hotel Bilbao Plaza lag.
Dort wurden wir von einem ausgesprochen freundlichen Rezeptionisten empfangen, der uns nicht nur unsere Zimmerschlüssel, sondern auch die Pilgerpässe und den Anhänger für den Koffertransport überreichte. Nun waren wir also offiziell Pilger.
Erst die Pflicht, dann das Essen
Kaum angekommen, meldete sich allerdings ein kleines Hüngerchen. Also brachten wir den Koffer nur kurz aufs Zimmer und machten uns sofort wieder auf den Weg.
Vorbei am Rathaus von Bilbao, einmal um den Kreisverkehr herum, landeten wir in der Bar Canales. Eine ausgezeichnete Entscheidung, wie sich herausstellen sollte. Es gab Sandwiches und Burger – und die waren richtig lecker. Genau das Richtige, um die Energiereserven für die kommenden Wandertage aufzufüllen.
Danach ging es zurück ins Hotel. Schließlich sollte am nächsten Morgen unsere erste Etappe beginnen:
1. Etappe: BILBAO – PORTUGALETE
Endlich geht es los:
Wir hatten gut geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und waren voller Vorfreude auf das, was vor uns lag. Unser Koffer musste bis 8 Uhr zur Abholung bereitstehen. Das war er. Und wir waren es auch.
Mit einem letzten Blick auf die vertraute Hotelumgebung starteten wir in unser großes Abenteuer auf dem Jakobsweg Spanien. Zunächst gingen wir ein Stück am Nervión entlang, überquerten den Fluss und folgten der Uferpromenade Richtung Norden. Die markante Stabbogenbrücke ließen wir rechts liegen, bevor wir in die Mazzarredo Zumarkalea einbogen.
Das Guggenheim – ein Kunstwerk für sich
Dieser Straße folgten wir bis zum berühmten Guggenheim-Museum, das vom Architekten Frank Gehry entworfen wurde. Schon von außen wirkt das Gebäude wie ein riesiges Kunstwerk aus Titan, Glas und Fantasie.
Das Museum widmet sich der modernen und zeitgenössischen Kunst des 20. Jahrhunderts. Auf rund 11.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche werden sowohl Werke der Dauerausstellung als auch wechselnde Sonderausstellungen präsentiert.
Mit seiner Eröffnung im Jahr 1997 wurde das gesamte Viertel grundlegend aufgewertet und zu neuem Leben erweckt. Selbst wer mit moderner Kunst nicht viel anfangen kann, kommt kaum daran vorbei, von der außergewöhnlichen Architektur beeindruckt zu sein. Wir jedenfalls blieben erst einmal stehen und schauten – schließlich läuft einem nicht jeden Tag ein Gebäude über den Weg, das aussieht, als wäre ein Raumschiff sanft am Flussufer gelandet.
Entlang des Nervión
Das Guggenheim-Museum ist wirklich ein faszinierendes und beeindruckendes Bauwerk. Je nachdem, aus welchem Blickwinkel man es betrachtet, scheint es sein Aussehen zu verändern. So verbrachten wir einige Zeit damit, das Gebäude von allen Seiten zu bestaunen und einmal komplett zu umrunden. Weil wir noch fast die ganze Etappe vor uns hatten und uns nicht sicher waren, wie gut wir sie bewältigen würden, verzichteten wir auf einen Besuch. Sollten wir je wieder nach Bilbao kommen, werden wir aber einen Besuch einplanen. So viel ist sicher.
Anschließend durchquerten wir den angrenzenden Park und überquerten den Nervión auf der Pedro Arrupe Zubia. Von dort setzten wir unseren Weg auf der rechten Flussseite fort. Rückblickend war das die schönere Wahl. Zahlreiche kleine Bars, Cafés und Geschäfte säumten den Weg und sorgten dafür, dass die Strecke kurzweilig blieb.
Eine günstige Rast
Nach etwa vier Stunden hatten wir uns eine Pause verdient. In einer kleinen Bar direkt am Wegesrand legten wir einen Stopp ein. Unsere Bestellung: ein Wasser mit Kohlensäure, ein alkoholfreies Bier und ein Achtel Hauswein in Weiß.
Als die Rechnung kam, mussten wir zweimal hinschauen: 5,20 Euro für alles zusammen. Da kann man wirklich nicht meckern. Der Wein war zudem angenehm süffig und schmeckte deutlich teurer, als er tatsächlich war. Frisch gestärkt machten wir uns wieder auf den Weg und folgten weiter dem Lauf des Nervión.
Die berühmte Brücke von Bizkaia
Schließlich erreichten wir die Fähre an der Puente de Bizkaia. Die Brücke gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und ist eines der bekanntesten Wahrzeichen der Region.
Für 1,50 Euro pro Person setzten wir per Boot auf die andere Flussseite über. Die kleine Fähre fährt ein paar hundert Meter unterhalb der Puente de Bizkaia ab und bietet einen herrlichen Blick auf das Bauwerk. Alternativ kann man den Fluss auch mit der berühmten Schwebefähre überqueren. Sie wurde bereits 1893 eingeweiht, ist die älteste Schwebefähre der Welt und befördert auch heute noch jährlich rund sechs Millionen Fahrgäste.
Es ist schon erstaunlich, wie lange manche Technik funktioniert. Bei manchen Haushaltsgeräten freut man sich dagegen schon, wenn sie die Garantiezeit überleben.
Ankunft in Portugalete
Mit der Überfahrt hatten wir Portugalete erreicht. Nach dem Verlassen der Fähre gingen wir zunächst durch die Pedro de Heredia Kalea, bogen rechts in die Martín Fernández Villarán Kalea ein, der wir bergauf folgten, bis schließlich auf der rechten Seite unser Tagesziel auftauchte: das Hotel URH Palacio de Oriol in der Avenida Cristóbal Murrieta 27.
Ein schöner Anblick nach einem langen Wandertag. Und, unser Koffer wartete bereits auf uns.
Das Hotel PALACIO DE ORIOL, das man nicht verfehlen kann
Wie man unschwer erkennen kann, ist das Hotel kaum zu übersehen. Ein weiterer ausgesprochen freundlicher Rezeptionist begrüßte uns, überreichte die Zimmerschlüssel und – zu unserer Freude – bekamen wir unseren ersten Stempel. Nach den ersten 18 Kilometern gönnten wir uns zunächst eine kleine Auszeit auf dem Zimmer. Die Beine hochlegen, kurz durchschnaufen und die Eindrücke des Tages sortieren. Nach gut einer halben Stunde fühlten wir uns wieder fit genug, um auf Nahrungssuche zu gehen. Wer das Hotel direkt buchen möchte: Hier geht’s zur Website.
Ein Volltreffer namens „Newport“
Bereits zuhause hatte ich das Restaurant „Newport“ herausgesucht. Und wieder erwies sich die Vorbereitung als goldrichtig.
Mein Mann entschied sich für einen Burger, dazu zwei Gläser Hauswein und ein kleines Wasser mit Kohlensäure. Ich gönnte mir einen frischen Salat mit einem hervorragenden Dressing und frischem Baguette sowie ein alkoholfreies Bier. Den Abschluss bildeten zwei Espressi.
Als die Rechnung kam, staunten wir nicht schlecht: Für alles zusammen bezahlten wir gerade einmal 29 Euro. Das Essen war lecker, der Service freundlich und der Preis mehr als fair. Wir waren begeistert.
Auf der Suche nach einer offenen Kirche
Gut gestärkt machten wir uns anschließend auf den Weg zur Andra Maria Basilika. Leider standen wir vor verschlossenen Türen. Das sollte im Laufe unserer Pilgerreise kein Einzelfall bleiben.
Gerade auf dem Jakobsweg hatten wir erwartet, viele Kirchen offen zu finden. Umso enttäuschender war es, immer wieder vor verschlossenen Portalen zu stehen. Natürlich gibt es dafür leider oft gute Gründe. Aber wer pilgert, möchte schließlich nicht nur seine Füße bewegen, sondern manchmal auch einen Moment der Ruhe und Besinnung finden.
Der erste Tag ist geschafft
Bevor wir ins Hotel zurückkehrten, kauften wir noch ausreichend Wasser für die nächste Etappe. Danach war endgültig Feierabend.
Die ersten 18 Kilometer lagen hinter uns. Ein guter Anfang. Aber, ein kurzer Blick auf die Planung erinnerte uns daran , dass noch rund 102 Kilometer auf uns warteten.
Oder anders gesagt: Wir hatten erst etwa ein Sechstel geschafft. Die Euphorie war groß, die Beine noch erstaunlich fit und ohne Blasen, der Optimismus ungebrochen.
Unsere Empfehlung: Wanderstöcke
Auf unseren Wanderungen möchten wir Wanderstöcke inzwischen nicht mehr missen. Bergauf kann man sich damit spürbar unterstützen, bergab entlasten sie Knie und Gelenke und helfen beim sicheren Abbremsen – gerade auf längeren Touren macht das einen echten Unterschied.
Da wir häufig mit dem Flugzeug unterwegs sind, war uns außerdem wichtig, dass sich die Stöcke klein zusammenschieben lassen und problemlos in den Koffer passen.
Wir würden keine extrem günstigen Modelle kaufen, aber auch nicht unnötig viel Geld ausgeben. Unsere Empfehlung sind solide Wanderstöcke aus dem Mittelfeld – wie diese hier. Sie sind leicht, stabil, kompakt und begleiten uns inzwischen auf vielen Reisen.
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Etappe 2: Von Portugalete nach Castro Urdiales
Ein Blick aus dem Fenster – und die Motivation sinkt
In der Nacht trommelte der Regen gegen die Fensterscheiben, während der Wind lautstark ums Hotel pfiff. Als wir am Morgen aufwachten, hatte der Regen zwar aufgehört, der Wind jedoch keineswegs. Er blies immer noch kräftig und schien fest entschlossen, uns den Tag möglichst unangenehm zu gestalten.
Ein kurzer Blick auf die Wetter-App machte die Sache nicht besser: Starker Wind mit Böen von über 90 km/h, dazu jederzeit mögliche Regenschauer. Na wunderbar. Das konnte ja ein richtig gemütlicher Wandertag werden.
Planänderung mit Folgen
Für diesen Tag hatte Orbis Ways eine Strecke von 34 Kilometern vorgesehen. Das erschien uns jedoch etwas ambitioniert. Deshalb hatten wir bereits zuhause über Komoot eine alternative Route herausgesucht, die ebenfalls als Jakobsweg ausgewiesen war.
Während die offizielle Route um einen Berg herumführte, verlief unsere Variante direkt darüber. Auf dem heimischen Sofa sah das auf der Karte ausgesprochen harmlos aus. Ein kleiner Hügel eben.
Wie wir später feststellen sollten, sehen viele Berge auf Karten deutlich „niedlicher“aus als in der Realität.
Im Norden Spaniens ist die Wegmarkierung übrigens vorbildlich. Gelbe Pfeile und die Jakobsmuschel weisen den Pilgern zuverlässig den Weg. Trotzdem waren wir uns nicht sicher, ob wir unterwegs jeden Hinweis entdecken würden. Also beschlossen wir, zusätzlich unserer aufgezeichneten Route auf dem Handy zu folgen.
Gegenwind – natürlich
Nach einem frühen Frühstück wanderten wir los.
Kaum hatten wir die Hoteltür geöffnet, wurden wir von einer kräftigen Windböe begrüßt. Und wie es das Gesetz aller Wanderwege verlangt, kam der Wind selbstverständlich von vorne.
Wir folgten zunächst der Avenida Murrieta Etorbidea, bogen anschließend in die Mamariga Kalea und später in die Nafarroa Etxaldea ein. Vorbei an einem großen Gebäude, das verdächtig nach einer Stierkampfarena aussah, führte unser Weg unter der N-644 hindurch und danach stetig bergauf.
Bergauf. Gegenwind. Dunkle Wolken, beste Bedingungen, um die Kondition zu testen.
Während wir weiter den Hang hinaufstapften, erwartete uns plötzlich ein Erlebnis, das diesen stürmischen Morgen auf besondere Weise bereichern sollte.
Hilfsbereitschaft am Wegesrand
Nachdem wir die N-644 unterquert hatten, legten wir eine kurze Pause ein, um zu überprüfen, ob wir noch auf dem richtigen Weg waren. Die gelben Pfeile, die den Jakobsweg markieren, wurden inzwischen etwas sparsamer eingesetzt, und wir wollten sicherheitshalber einen Blick auf die Karte werfen.
Da der stetige Gegenwind das Vorankommen ohnehin anstrengend machte, nutzte ich die Pause, um mich entspannt über die Stöcke zu hängen. In diesem Moment fuhr ein Auto an uns vorbei. Nach einigen Metern hielt es an, setzte zurück und blieb neben uns stehen.
Eine Frau ließ das Beifahrerfenster herunter und fragte freundlich, ob wir Hilfe bräuchten. Wir bedankten uns und versicherten ihr, dass alles in Ordnung sei. Trotzdem blieb dieses kleine Erlebnis in Erinnerung. Es ist schön zu sehen, dass es Menschen gibt, die sich auch um völlig Fremde kümmern.
Und dann ging es weiter – wieder steil bergauf.
Anfangs standen noch vereinzelt Häuser entlang des Weges, doch nach und nach übernahm die Natur das Kommando. Der Wind pfiff über die Hänge, aber je höher wir kamen, desto grandioser wurde die Aussicht.
Als wir uns zwischendurch umdrehten, bot sich uns ein beeindruckender Blick auf die Küste und die Landschaft hinter uns. Für solche Momente nimmt man gern ein paar schmerzende Waden in Kauf. Die Fotos sprechen für sich.
Regen gehört offenbar dazu
Doch wie so oft auf dieser Reise hielt das Wetter seine eigenen Pläne bereit.
Zunächst fielen nur ein paar Tropfen. Unsere Regenjacken schienen auszureichen. Wenige Minuten später mussten wir jedoch feststellen, dass der Himmel seine Schleusen öffnete. Also wurden die Regencapes ausgepackt.
Mittlerweile hatten wir die 300-Meter-Marke erreicht und wollten an einer Weggabelung nach links abbiegen.
Begegnung mit einem gehörnten Wegwächter
Zwischen uns und dem Weg lag allerdings eine Weide. Und auf ihr standen mehrere Kühe mit ihren Kälbern. Das allein sorgte schon für etwas Respekt. Wer schon einmal Mutterkühe erlebt hat, weiß, dass man deren Nachwuchs besser nicht zu nahe kommt.
Während wir am Rand der Weide standen und überlegten, wie wir die Situation am klügsten lösen könnten, bemerkten wir plötzlich eine Bewegung.
Ein stattlicher Stier mit langen, spitzen Hörnern hatte uns entdeckt und setzte sich langsam in unsere Richtung in Bewegung.
„Nicht gut“, schoss es mir sofort durch den Kopf.
Ich trat vorsichtig einen Schritt zurück. Dann noch einen.
In diesem Moment erschien uns die ursprüngliche Orbis-Route um den Berg herum plötzlich gar nicht mehr so schlecht.
Verfolgung durch einen Stier
Anscheinend hatte der Stier beschlossen, uns etwas näher kennenzulernen, denn er kam immer näher. Umdrehen und davon laufen wäre eine dumme Idee gewesen. Denn, obwohl ein Stier schon mal eine Tonne auf die Waage bringt, ist er erstaunlich schnell. Wahrscheinlich schneller als ich. Glücklicherweise hatte ich erst wenige Tage zuvor einen Fernsehbericht über Begegnungen mit Rindern gesehen. Darin wurde geraten, Ruhe zu bewahren und langsam rückwärts zu gehen. Also bewegten wir uns vorsichtig Schritt für Schritt rückwärts, ohne den imposanten langhörnigen Stier aus den Augen zu lassen. Während er weiter auf uns zukam, hoffte ich inständig, dass der Fernsehbeitrag gut recherchiert gewesen war.
Ich zog mich vorsichtig hinter ein Gebüsch zurück und hoffte, damit außerhalb seiner Interessenszone zu sein. Ob das Gebüsch tatsächlich Schutz geboten hätte, möchte ich lieber nicht wissen.
Denn zu unserem großen Glück erschien kurz darauf der Bauer. Gemeinsam mit seinem Hund trieb er die Herde samt Stier zusammen und in Richtung Stall. Erleichtert überquerten wir die Weide und setzten unseren Weg fort. Hilfreiche Tipps zum Verhalten bei Begegnungen mit Kuh-Herden gibt es auch auf der Website des Alpenvereins.
Ein Gipfel mit Aussicht
Links begleitete uns die A8, während wir weiter bergauf wanderten. Als wir schließlich knapp unterhalb des Gipfels des Monte Serantes standen, wurden wir für alle Mühen belohnt.
Der Ausblick war schlicht fantastisch. Weit unter uns lagen Küste, Meer und die umliegenden Orte. Für solche Momente nimmt man Wind, Regen und schmerzende Beine gerne in Kauf. Wir blieben eine Weile stehen und genossen das Panorama.
Der etwas heikle Abstieg
Der nächtliche Regen hatte allerdings seine Spuren hinterlassen. Die Wege waren schlammig und teilweise sehr rutschig.
Bergauf war das bislang kein großes Problem gewesen. Nun mussten wir allerdings wieder hinunter.
Der schmale Trampelpfad führte steil bergab, und wir hofften vor allem eines: heil unten anzukommen.
Also tasteten wir uns Schritt für Schritt voran. Mal seitlich, mal im Zickzack, immer mit dem Blick auf den Boden gerichtet. Unsere Wanderstöcke leisteten dabei wertvolle Dienste und verliehen uns zumindest ein Gefühl von Sicherheit.
Eine wohlverdiente Pause
Als wir endlich das Tal erreichten, führte unser Weg zunächst durch San Mamés und anschließend nach La Arena. Nach den letzten Stunden hatten wir uns eine Pause mehr als verdient. In der Bar La Mala Juana suchten wir uns ein gemütliches Plätzchen und bestellten etwas zu trinken.
Die Rast tat gut. Eine gute halbe Stunde später fühlten sich Beine und Motivation wieder deutlich besser an, sodass wir unsere Wanderung fortsetzen konnten.
Zurück ans Meer
Von La Arena aus gingen wir zum Playa de la Arena. Dort begegnete uns auch wieder die vertraute Jakobsmuschel, die uns bestätigte, dass wir auf dem richtigen Weg waren.
Die Strecke führte zunächst über einen Holzsteg, anschließend über den Strand und durch einen kleinen Flusslauf. Durch einen Hohlweg ging es wieder bergauf zum Küstenweg.
Von dort folgten wir dem Weg bis zum Viadukt. Zu unserer Rechten begleitete uns das Meer. Die Wellen rollten an den Strand, der Wind blies uns um die Ohren und die Küste zeigte sich von ihrer wilden Seite.
Castro Urdiales kommt näher – zumindest optisch
Wir blieben auf dem Küstenweg und konnten in der Ferne bereits Castro Urdiales erkennen. Ein motivierender Anblick. Etwas realistischer ahnten wir schon, dass noch einige Kilometer vor uns lagen.
Nachdem wir einen Parkplatz hinter uns gelassen hatten, erreichten wir einen Weg, dem wir nach rechts in Richtung El Hoyo folgten. Der gleichnamige Ortsteil lag zu unserer Linken, während wir weiter auf unserer Route blieben.
Zwischen Muscheln und gelben Pfeilen
Mit der Zeit wurden die Wegmarkierungen spärlicher. Die Jakobsmuschel, die uns bislang zuverlässig begleitet hatte, verschwand und wurde durch gelbe Pfeile ersetzt.
Da wir uns inzwischen daran gewöhnt hatten, regelmäßig auf unser Handy zu schauen, war das jedoch kein großes Problem. Lieber einmal mehr kontrollieren als später unfreiwillig zusätzliche Kilometer sammeln.
Unser Weg führte durch den Tunnel El Piquillo und anschließend weiter bis zum gewaltigen Viadukt der A-8. Die Brücke wirkte aus der Nähe noch beeindruckender als aus der Ferne.
Auf dem offiziellen Jakobsweg
Am Viadukt nahmen wir den Weg, der rechts bergab führte. Nachdem wir den Fluss Sabiote überquert hatten, bogen wir links in Richtung Ontón ab.
Da wir keine große Lust hatten, auf dem schmalen Randstreifen der N-634 zu wandern, entschieden wir uns für die offizielle Jakobsweg-Route über die CA-523. Diese führte zunächst über den Fluss und anschließend stetig bergauf.
Nach und nach näherten wir uns den ersten Häusern von Baltezana. Der Weg führte an der kleinen Siedlung El Manzanal vorbei und mündete wieder auf die Landstraße.
Ein Stück Natur abseits der Straße
Bevor wir den Ort endgültig hinter uns ließen, gingen wir auf der rechten Seite hinunter zum Fluss. Dort führte uns ein Weg zurück zur CA-523, der wir zunächst nach rechts folgten.
Nach der ersten Kurve verließen wir die Straße erneut. Ein schmaler Pfad zweigte links vom Seitenstreifen ab und führte durch einen kleinen Eukalyptuswald.
Die hohen Bäume boten nicht nur etwas Schutz vor dem Wind, sondern verbreiteten auch ihren typischen, angenehm frischen Duft. Nach den Stunden auf offenen Wegen war dieser Abschnitt eine willkommene Abwechslung.
Der Pfad führte uns erneut zur Landstraße. Von dort setzten wir unsere Wanderung in Richtung des Passes von La Helguera fort.
Hinab ins Tal
Vom Pass aus führte die Landstraße wieder bergab. Nach den vorherigen Anstiegen waren wir über jeden Meter Gefälle durchaus erfreut.
Die Straße verlief leicht nach rechts und führte uns hinunter in das Tal von Otañes beziehungsweise zum Fluss Mioño. Die Landschaft wirkte nun deutlich sanfter, und der Wind hatte glücklicherweise etwas von seiner Kraft verloren.
Auf der Vía Verde
Etwa zwei Kilometer später wechselten wir auf die Vía Verde de Castro-Traslaviña, einen ehemaligen Bahntrassenweg. Zu unserer Linken erstreckte sich entlang des Flusses Mioño der Ort Otañes. Die angenehm ebene Strecke war nach den zurückliegenden Bergen eine wahre Wohltat. Endlich konnten wir einmal gehen, ohne ständig nach oben oder unten schauen zu müssen. Schließlich kamen wir zum Ortseingang von Santullán.
Wenn die Vernunft siegt
Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits rund 25 Kilometer hinter uns. Eigentlich hätten noch etwa sechs Kilometer bis zum Tagesziel gefehlt.
Normalerweise klingt das nicht nach besonders viel. Nach 25 Kilometern, Wind, Regen, matschigen Wegen, einem hartnäckigen Berg und einer unfreiwilligen Begegnung mit einem neugierigen Stier sieht die Sache allerdings etwas anders aus.
Unsere Motivation begann zu bröckeln, die Beine wurden immer schwerer, und die Aussicht auf weitere sechs Kilometer sorgte nicht gerade für Begeisterungsstürme.
Als wir eine Bushaltestelle entdeckten, fiel die Entscheidung daher überraschend schnell. Wir ließen uns auf die Bank sinken und studierten den Fahrplan. Zu unserer Freude stand dort tatsächlich: Castro Urdiales. Der nächste Bus sollte sogar schon in 35 Minuten kommen.
Die letzte Etappe im Bus
Und tatsächlich – fast pünktlich rollte der Bus heran.
Wir stiegen ein und genossen das Gefühl, sich im Sitzen fortzubewegen. Nach diesem Wandertag fühlte sich das beinahe luxuriös an.
Wie groß Castro Urdiales tatsächlich ist, wussten wir allerdings nicht. Deshalb stiegen wir viel zu früh aus.
Das Ergebnis: Wir liefen trotzdem noch quer durch die halbe Stadt bis zu unserem Hotel.
Im Nachhinein betrachtet hätten wir vermutlich auch bis zur Endhaltestelle fahren können. Aber so hatten wir doch noch einen Teil der Strecke zurückgelegt.
Endlich angekommen
In unserer Hosteria Villa die Castro angekommen erwartete uns bereits unser treuer Reisebegleiter: der Koffer. Wie an den Tagen zuvor war er längst vor uns eingetroffen und wartete geduldig auf seine Besitzer.
An der Rezeption erhielten wir unsere Zimmerschlüssel, und ein weiterer Stempel fand seinen Platz in unserem Pilgerpass. Wieder eine Etappe geschafft.
Auf dem Zimmer legten wir erst einmal die Beine hoch, tranken unser restliches Wasser aus und gönnten uns eine wohlverdiente Ruhepause. Doch wie so oft auf Wanderungen meldete sich der Hunger schließlich penetrant.
Kulinarische Überraschungen
Was wir bis dahin noch nicht verinnerlicht hatten: In Spanien isst man deutlich später zu Abend als bei uns.
Während in Deutschland viele Restaurants um 18 Uhr bereits gut gefüllt sind, beginnt in Spanien das Abendessen oft erst gegen 20 Uhr oder sogar noch später. Vorher einen geöffneten Gastraum mit warmer Küche zu finden, gleicht manchmal einer kleinen Schatzsuche.
Genau diese Erfahrung machten wir an diesem Abend.
Wir liefen eine ganze Weile durch Castro Urdiales, doch entweder waren die Restaurants noch geschlossen oder die Küche hatte noch nicht geöffnet. Mit jedem Schritt sank unsere Hoffnung auf ein gemütliches Abendessen ein wenig mehr.
Rettung in letzter Minute
Schließlich blieb uns nur noch eine Option: der Dönerladen um die Ecke.
Und was soll ich sagen? Das erwies sich als deutlich bessere Lösung, als wir zunächst erwartet hatten. Das Essen war frisch, reichlich und ausgesprochen lecker.
Nur ein kleines Problem gab es: Alkohol stand nicht auf der Getränkekarte. Mein Mann musste daher schweren Herzens auf sein wohlverdientes Bier oder Glas Wein verzichten.
Stattdessen gab es Wasser aus der Plastikflasche – und das zu einem Preis, bei dem wir auf eine zweite verzichteten.
Feierabend für Pilger
Gut gesättigt, aber dennoch mit einem kleinen Rest Enttäuschung über den ausgefallenen Restaurantbesuch, machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Beim Supermarkt deckten wir uns noch schnell mit Wasser ein.
Es dauerte es nicht lange, bis wir uns in Richtung Bett verabschiedeten. Die Ereignisse des Tages – Wind, Regen, Berge, Schlamm, ein hartnäckiger Stier und 25 Kilometer Wanderung – hatten ihre Spuren hinterlassen.
Morgen wartete schließlich die nächste Etappe auf uns.
Unser Tipp: Ein guter Wanderführer macht die Vorbereitung einfacher
Noch bevor wir uns intensiver mit den Angeboten von Orbis Ways beschäftigt haben, haben wir uns diesen Wanderführer besorgt. Er war für uns der ideale Einstieg in die Planung des Camino del Norte und hat wesentlich dazu beigetragen, dass wir uns für den nördlichen Jakobsweg entschieden haben.
Der Camino del Norte ist deutlich ruhiger als der bekannte Camino Francés, den viele durch Hape Kerkelings Buch kennen. Statt durch das Landesinnere führt er über weite Strecken entlang der Atlantikküste – mit beeindruckenden Ausblicken und abwechslungsreichen Etappen.
Der Wanderführer erklärt die einzelnen Etappen verständlich, liefert viele Hintergrundinformationen und war für uns auch unterwegs eine wertvolle Ergänzung zu den Unterlagen von Orbis Ways. Deshalb empfehlen wir ihn gerne weiter.
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3. Etappe: Castro Urdiales – Laredo
Ein Frühstück ohne Auswahlstress
Wir hatten gut geschlafen und wachten erholt auf. Unser Hostel besaß seinen ganz eigenen Charme – die Bilder sprechen da wohl für sich.
Wie jeden Morgen meldete sich nach dem Aufwachen als Erstes der Magen. Schließlich stand wieder eine Etappe auf dem Programm, und dafür brauchten wir ausreichend Energie. Unser Koffer musste bereits um 8.00 Uhr zur Weiterreise bereitstehen. Also fanden wir uns kurz davor im Frühstücksraum ein.
Der war überschaubar eingerichtet und bot gerade einmal vier Tische. Die Hostelmama sprach nur wenig Englisch, wusste sich aber zu helfen: Statt langer Erklärungen reichte sie uns eine Tafel, von der wir zwei Frühstücksvarianten auswählen konnten. Nach kurzer Entscheidungsfindung entschieden wir uns für Müsli, Sandwiches und natürlich Kaffee. Ein kleines Glas Orangensaft war ebenfalls inklusive.
Mit gutem Appetit ließen wir uns das Frühstück schmecken und füllten die Energiespeicher für den bevorstehenden Wandertag.
Das erste „Buen Camino!“
Unser Koffer war inzwischen schon auf dem Weg zum nächsten Etappenziel. Also schnappten wir unsere Stöcke und machten uns ebenfalls auf den Weg.
Kaum hatten wir die Straße betreten, rief uns eine junge Frau fröhlich „¡Buen Camino!“ zu. Das war das erste Mal, dass wir diesen typischen Pilgergruß hörten. Im Laufe der Tage sollten wir ihn allerdings noch öfter hören. Offenbar gehört auf dem Jakobsweg ein freundliches „Buen Camino“ genauso dazu wie Wanderschuhe und Blasenpflaster.
Immer am Meer entlang
Von unserem Hostel aus marschierten wir zunächst Richtung Meer und folgten anschließend der Küste nach Norden. Dabei gab es einiges zu bestaunen: die beeindruckende Kirche Santa María de la Asunción, die Zitadelle mit ihrem Leuchtturm und den Yachthafen. Hatten wir gestern gar nicht richtig gesehen.
So begann der Tag mit Sonnenschein, Meeresblick und den ersten Begegnungen mit der besonderen Atmosphäre des Jakobswegs – ein vielversprechender Start in die heutige Etappe.
Bergauf mit Aussicht
Wir bogen in die Calle de Silvestre Ochoa ein und folgten ihr bis zum Subida Campijo. Dort begann ein schöner Feldweg, der uns mit herrlichen Ausblicken bergauf führte.
Auf der Anhöhe hielten wir uns links in Richtung Campingplatz und unterquerten die A8. Nach dem Tunnel bogen wir nach rechts ab und passierten einige Häuser des Stadtteils Campijo. Weiter ging es auf dem Subida Campijo, während wir den Campingplatz links liegen ließen – im wahrsten Sinne des Wortes.
Winnetou lässt grüßen
Über eine Straße und anschließend einen Feldweg erreichten wir das kleine Örtchen Allendelagua. Gleich am Ortseingang standen ein kleiner Friedhof und eine Kirche. Als ich die Kirche erblickte, hatte ich plötzlich das Gefühl, man hätte sie direkt aus dem Film „Winnetou 3“ hierher versetzt.
Sofort fühlte ich mich in meine Kinderzeit zurückversetzt. Damals kam ich nach dem Kinobesuch regelmäßig mit roten Augen nach Hause. Egal wie oft ich den Film sah – auch beim dritten Mal hörte Winnetou die Glocken von Santa Fé. Manche Filmszenen verlieren eben nie ihre Wirkung.
Kilometer sammeln entlang der Autobahn
Nach diesem nostalgischen Ausflug in die Jugend durchquerten wir den Ort und wanderten anschließend parallel zur Autobahn weiter. Nach etwa drei Kilometern unterquerten wir erneut die A8 und machten uns an den Aufstieg zur Ortschaft Cerdigo.
Vor verschlossenen Türen
Auf unserem Weg kamen wir an der Kirche San Juan vorbei. Besonders ihre romanische Apsis aus dem 13. Jahrhundert hatte unser Interesse geweckt, und natürlich wollten wir uns das Bauwerk auch von innen ansehen. Doch daraus wurde nichts. Als wir vor der Kirche standen, erwartete uns keine kunstvolle Innenausstattung, sondern eine fest verschlossene Tür.
Schade. Die Kirche war offenbar nicht auf Besucher eingestellt – zumindest nicht an diesem Tag.
Weiter Richtung Küste
Also zogen wir weiter durch den Ort, überquerten die N-634 und gelangten kurz darauf erneut an einem Friedhof vorbei. Friedhöfe schienen uns auf dieser Etappe regelmäßig zu begleiten.
Der Weg führte anschließend mal über steinige Passagen, mal über grüne Wiesen. Schließlich erreichten wir die Küste und folgten dem Küstenweg bis nach Islares.
Immer neue Ausblicke
Die Landschaft zeigte sich dabei von ihrer schönsten Seite. Hinter jeder Wegbiegung boten sich neue Ausblicke auf Meer, Wiesen und die sanften Hügel der Umgebung. Abwechslungsreich, farbenfroh und einfach wunderschön – genau die Art von Weg, bei der man das Wandern fast vergisst. Fast.
Auf der Suche nach einer Pause
Die offizielle Beschilderung führte uns am Campingplatz von Arenillas vorbei. Dort gab es sowohl eine Gaststätte als auch ein Geschäft. Unsere Hoffnung auf eine kleine Stärkung wuchs mit jedem Schritt. Leider wurde sie ebenso schnell wieder zunichte gemacht: Beide hatten geschlossen.
Also wanderten wir weiter bis zum Strand. Dort befand sich auf der einen Seite eine Surfschule und auf der anderen ein Restaurant. Nach mehreren Stunden auf den Beinen mussten wir nicht lange überlegen. Wir kehrten ein, gönnten uns Wasser und Wein und ließen für einen Moment die Seele baumeln. Da allerdings noch einige Kilometer vor uns lagen, blieb es bei einer kurzen Rast.
Der kürzere Weg – ein klassischer Fehler
Nun standen wir vor der Wahl: dem offiziellen Jakobsweg über Nocina zu folgen oder die kürzere Strecke (auch Jakobsweg) entlang der N-634 zu nehmen. Zu Hause hatte ich gelesen, dass die N-634 seit der Eröffnung der A-8 kaum noch befahren werde. Der Weg verlief hinter der Leitplanke auf einem schmalen Trampelpfad, und hin und wieder fuhr ein Auto vorbei. Das erschien uns noch akzeptabel.
Also entschieden wir uns für die kürzere Variante.
Hätten wir mal auf die Experten gehört …
Rückblickend war das keine besonders glorreiche Entscheidung. Sogar Orbis empfahl die längere Variante. Manchmal gibt es eben gute Gründe, warum Fachleute etwas empfehlen.
Wir dagegen hatten uns von dem verlockenden Gedanken „kürzer geht schneller“ leiten lassen. Eine Theorie, die auf Wanderungen erstaunlich oft nicht aufgeht.
Die Moral von der Geschichte: Wenn Wanderführer und Wegplaner einstimmig zur längeren Variante raten, sollte man ihnen vielleicht einfach glauben.
Vom sicheren Spaziergang zur Nervenprobe
Hätten wir das nur geglaubt. So aber marschierten wir zunächst ganz entspannt am Rand der Straße entlang in Richtung der Ría de Oriñón, der Mündung des Flusses Agüera. Die Landschaft war wunderschön: grüne Hänge, der Fluss neben uns und dazu nur wenig Verkehr. Wir fühlten uns sicher und genossen die Wanderung.
Doch nach einigen Kilometern, wir hatten gerade die Puente Rio Agüera überquert und uns wieder Richtung Norden gewandt, änderte sich die Lage schlagartig. Zuerst verschwand die Leitplanke, die uns bislang von den Fahrzeugen getrennt hatte. Nun lag nur noch ein schmaler weißer Seitenstreifen zwischen uns und dem Verkehr, der plötzlich deutlich zunahm. Wenige hundert Meter später war auch dieser verschwunden. Von da an trennte uns exakt nichts mehr von den vorbei rauschenden Autos und Lastwagen.
Kopfkino der unangenehmen Art
Spätestens jetzt bekam ich Panik. In meinem Kopf lief ein Film ab, den ich eigentlich gar nicht sehen wollte. Was, wenn ein Fahrer auf der kurvigen Straße kurz aufs Handy schaut? Was, wenn er nur einen Moment nicht aufpasst und etwas zu weit nach rechts gerät? In meinem Katastrophenkino endete das für uns – oder zumindest für mich als Vorhut – bestenfalls im Krankenhaus.
Je wilder meine Fantasie wurde, desto schneller wurden meine Schritte. Der Schweiß lief mir inzwischen in Strömen den Rücken hinunter, mein Gesicht hatte die Farbe einer reifen Tomate angenommen und ich hielt fieberhaft Ausschau nach einem Abgang von der N-634.
Endlich ein Lichtblick
Mittlerweile keuchten wir beide ordentlich. Nicht nur die Anstrengung machte uns zu schaffen, sondern auch die permanente Anspannung.
Noch immer suchte ich verzweifelt nach einem Abzweig, als ich plötzlich in der Ferne Häuser erkannte. Ein Ort! Das musste Liendo sein. Sofort keimte Hoffnung auf. Dort konnten wir die N-634 endlich verlassen.
Unser offizieller Weg führte zwar durch den Ort und anschließend wieder zurück auf die Nationalstraße. Nachdem ich diese Straße hoffentlich lebend hinter mir gelassen hatte, stand mein Entschluss fest: Auf die N-634 würde ich freiwillig keinen Fuß mehr setzen.
Der Gedanke, noch einmal auf diese Straße zurückzumüssen, war für mich schlicht ausgeschlossen. Lieber hätte ich einen Umweg von mehreren Kilometern in Kauf genommen oder einen zusätzlichen Berg erklommen. Alles erschien mir angenehmer, als weiterhin als lebende Zielscheibe neben den vorbei rauschenden Fahrzeugen herzulaufen.
Als die ersten Häuser von Liendo näher kamen, fühlte sich das deshalb an wie eine Rettung in letzter Minute – und ich hätte das Ortsschild am liebsten umarmt.
Eine wohlverdiente Pause
Wir waren inzwischen so erschöpft, dass wir mehr stolperten als gingen. Als wir eine Bushaltestelle mit einer Bank davor entdeckten, zögerten wir keine Sekunde. Fast gleichzeitig ließen wir uns darauf fallen und genossen das ungewohnte Gefühl, nicht mehr laufen zu müssen.
Die Sonne brannte noch immer erbarmungslos vom Himmel – und das Ende Oktober. Unser Wasservorrat war längst aufgebraucht, und jeder Schritt der letzten Kilometer steckte uns in den Knochen. Langsam beruhigte sich unser Atem, und mein Gesicht nur noch rosig.
Je länger wir dort saßen, desto fester wurde mein Entschluss: Für heute ist Schluss. Genug Abenteuer, genug Nervenkrieg und genug Kilometer auf fragwürdigen Straßen. Die letzten sechs Kilometer würden wir ganz entspannt mit dem Bus zurücklegen.
Das Rätsel des Busfahrplans
Da gab es nur noch ein kleines Problem: den Busfahrplan. Wir studierten ihn von oben nach unten, von unten nach oben und zwischendurch noch einmal quer. Wirklich schlauer wurden wir dadurch allerdings nicht. Zum Glück hatten wir vor der Reise ein wenig Spanisch gelernt. Nun war der Moment gekommen, in dem sich die Mühe auszahlen sollte. Als ich eine Frau die Straße heraufkommen sah, fasste ich mir ein Herz und fragte sie, ob von dieser Haltestelle ein Bus nach Laredo fahren würde.
Hilfe auf Spanisch
Die Frau schaute mich einen Moment an. Vielleicht überrascht, vielleicht mitleidig – ich konnte es nicht genau einordnen. Schon dachte ich, sie hätte mich nicht verstanden, und wollte meine Frage gerade wiederholen, als sie energisch „No, no!“ sagte. Es folgte eine ganze Salve spanischer Wörter, von denen ich leider nur einen winzigen Bruchteil verstanden. Immerhin war ihre Gestik eindeutig: Sie zeigte auf die andere Straßenseite.
Das war selbst für meine bescheidenen Spanischkenntnisse verständlich.
Ich bedankte mich höflich, winkte meinem Mann und wechselten die Straßenseite. Dort warteten wir nun voller Hoffnung auf unsere Rettung.
Endlich unterwegs
Nach etwa zwanzig Minuten bog tatsächlich ein Bus um die Ecke. Selten hat uns ein Linienbus mehr erfreut. Erleichtert stiegen wir ein und ließen uns auf die Sitze fallen.
Während der Bus Richtung Laredo rollte, konnten wir endlich entspannen. Für diesen Tag war unsere Wanderung beendet – und ehrlich gesagt hatte niemand von uns etwas dagegen. Nach der unfreiwilligen Mutprobe auf der N-634 fühlte sich die Busfahrt fast an wie – endlich in Sicherheit.
Die schwarze Wolke am Horizont
Während der Bus Richtung Laredo fuhr, entdeckten wir in der Ferne eine riesige schwarze Rauchwolke. Dort musste es gewaltig brennen. Sofort begann mein Kopf wieder zu arbeiten.
„Bitte nicht unser Hotel“, dachte ich und schickte vorsichtshalber ein Stoßgebet Richtung Himmel.
Je näher wir Laredo kamen, desto öfter wanderte mein Blick zu der Rauchwolke. Doch ändern konnten wir ohnehin nichts. Also hofften wir einfach das Beste.
Endlich angekommen
In Laredo angekommen, machten wir uns mit Hilfe von Google Maps auf den Weg zu unserem Hotel „El Ancla“ – auf Deutsch: Der Anker.
Als wir durch das Tor traten, standen wir plötzlich in einem wunderschönen Garten. Auf dem Rasen verteilten sich blaue Tische und Stühle, und an den Bäumen lehnten bunt lackierte Fahrräder in allen möglichen Farben. Eigentlich ein Ort, den man in Ruhe hätte genießen müssen.
Doch dafür fehlte uns im Moment jegliche Energie.
Das Ziel des Tages: Nicht mehr laufen
Unsere Wünsche waren inzwischen denkbar bescheiden: ankommen, die Füße hochlegen und mindestens einen halben Liter Wasser auf ex trinken.
An der Rezeption wartete bereits unser Koffer auf uns. Einchecken, den Stempel für den Pilgerpass einsammeln – schließlich müssen Prioritäten gesetzt werden – und dann direkt aufs Zimmer.
Dort waren die Vorhänge geschlossen, sodass es angenehm kühl war. Als die Wanderstiefel endlich ausgezogen waren, legten wir uns erschöpft aufs Bett.
Für die nächste halbe Stunde interessierte uns absolut nichts. Weder die Rauchwolke, noch der Jakobsweg, noch Sehenswürdigkeiten oder irgendwelche Pläne für den Abend.
Wir lagen einfach nur da und genossen die wunderbare Tatsache, dass wir uns nicht mehr bewegen mussten.
Dann meldete sich der Hunger – zunächst höflich, dann immer nachdrücklicher..
Hunger schlägt Erschöpfung
Wenn man völlig erschöpft auf dem Bett liegt und sich gleichzeitig der Hunger immer penetranter meldet, steht man irgendwann vor einer wichtigen Entscheidung: liegen bleiben oder essen gehen?
Bei uns gewann der Hunger haushoch.
Also rafften wir uns auf, machten uns frisch und zogen los. Schon zu Hause hatte ich ein wenig recherchiert und ein Restaurant namens „Burger and Friends“ am Plaza Carlos V. ausgesucht. Gerade einmal 500 Meter entfernt – selbst für zwei müde Pilger noch machbar.
Die spanische Realität
Wir bogen am Hotel nach links ab und freuten uns bereits auf einen saftigen Burger, begleitet von einem Bier und einem alkoholfreien Bier.
Doch die Vorfreude hielt nicht lange.
Geschlossen.
Ungläubig schauten wir auf die Uhr. Es war kurz vor 18 Uhr. In Deutschland hätte zu dieser Zeit längst jedes Restaurant geöffnet. Aber wir waren nun einmal in Spanien. Und dort gilt offenbar die Regel: Wer vor 20 Uhr essen möchte, hat Pech gehabt.
Enttäuscht und mit knurrenden Mägen zogen wir weiter.
Halloween in Laredo
Auf unserem Weg begegneten uns plötzlich allerlei furchterregende Gestalten. Teufelsfratzen, Totenköpfe, Hexen und andere Wesen, denen man nachts lieber nicht allein begegnen möchte.
Halloween war offenbar in vollem Gange – und zwar nicht nur bei Kindern.
Die verzweifelte Essensuche
In der Hoffnung, an der Strandpromenade fündig zu werden, schlenderten wir weiter Richtung Meer. Doch auch dort dasselbe Bild: geschlossene Türen, leere Terrassen und überall die magische Uhrzeit von 20 Uhr.
Nach mehreren erfolglosen Versuchen sank unsere Hoffnung langsam auf den Nullpunkt. Deshalb beschlossen wir, uns stattdessen einen Supermarkt zu suchen.
Doch manchmal hat der Pilgergott Mitleid mit erschöpften Wanderern.
Auf dem Weg kamen wir am Casa Felipe vorbei. Und dort sollte sich unser Schicksal an diesem Abend endlich zum Besseren wenden
Rettung in letzter Minute
Es handelte sich um eine Bar mit angeschlossenem Restaurant. Voller Hoffnung fragten wir nach Essen. Doch auch hier schüttelte die Bedienung zunächst bedauernd den Kopf. Natürlich. Wieder dieselbe Antwort: „20 Uhr.“
Mittlerweile entwickelte ich eine tiefe persönliche Abneigung gegen diese Uhrzeit.
Vielleicht sahen wir aber auch besonders bemitleidenswert aus – hungrig, erschöpft und nach den Strapazen des Tages vermutlich nicht mehr ganz taufrisch. Jedenfalls überlegte die Bedienung kurz und sagte dann, sie könne uns Wurst und Schinken machen.
Für uns klang das in diesem Moment wie die Ankündigung eines Festmahls.
Freudig nahmen wir das Angebot an, setzten uns an einen etwas wackeligen Tisch und warteten gespannt auf das, was kommen würde.
Einfach, aber perfekt
Mein Mann bestellte ein Glas Rotwein, das ihm so gut schmeckte, dass es nicht bei einem blieb. Ich entschied mich für ein alkoholfreies Bier, das nach diesem Tag ebenfalls hervorragend mundete.
Wenig später erschien die Bedienung mit einem Teller voller Salami und hauchdünn geschnittenem Ibérico-Schinken sowie einem Korb mit frischen Baguettescheiben.
Vielleicht lag es an unserem Hunger, vielleicht an der Qualität der Zutaten – wahrscheinlich an beidem. Jedenfalls schmeckte es einfach himmlisch.
Die glücklich machende Tomate
Während wir genüsslich aßen, überkam mich plötzlich die Lust auf etwas Frisches. Nach all den Kilometern und dem vielen Brot sehnte ich mich nach Salat.
Also fragte ich vorsichtig nach.
Die Bedienung verschwand kurz und kam mit einer riesigen Tomate zurück. Sie hielt sie hoch, als wolle sie fragen: „Meinst du so etwas?“
Ich nickte begeistert.
Wenig später stand ein neuer Teller vor uns: dicke Scheiben sonnengereifter Tomate, beträufelt mit bestem Olivenöl und grobem Salz.
Nie zuvor hatte mich eine Tomate so glücklich gemacht.
Männer, Fleisch und andere Naturgesetze
Plötzlich bemerkte ich, dass die Bedienung mit uns sprach. Sie konnte kein Englisch und wir nur sehr wenig Spanisch. Doch ein Wort verstand ich sofort: Entrecôte.
Mein Mann schaute mich fragend an.
„Fleisch“, sagte ich nur.
Weiter kam ich gar nicht. Noch bevor ich das Wort vollständig ausgesprochen hatte, nickte er der Bedienung bereits begeistert zu.
Männer und Fleisch. Ich sagte nur: Das wird teuer.
Mein Mann zuckte nur mit den Schultern. In diesem Moment war ihm das offenbar völlig egal.
Ein kulinarischer Traum
Was dann auf den Tisch kam, war – um es vorsichtig auszudrücken – göttlich.
Zarte Fleischstücke, saftig und perfekt gegart, in einer Soße, wie ich sie bis dahin noch nie gegessen hatte. Jeder Bissen war ein Genuss.
Dazu füllte sich wie von Zauberhand immer wieder das Körbchen mit den Baguettescheiben, und wir aßen mit bestem Appetit.
Spätestens jetzt waren die Strapazen des Tages vergessen.
Die Rechnung des Schreckens – oder doch nicht?
Als die Bedienung später die Teller abräumte, fragte sie, ob wir noch einen Nachtisch wollten.
Normalerweise wäre ich dafür durchaus zu begeistern gewesen. Doch an diesem Abend war beim besten Willen kein Platz mehr. Wir lehnten dankend ab und bestellten stattdessen zwei Espressi.
Während wir warteten, begann ich im Geiste zu rechnen. Salami, Ibérico-Schinken, Brot, Tomaten, mehrere Gläser Wein, Bier, Entrecôte, Espresso …
Vorsichtshalber überschlug ich schon einmal die Barschaft.
Siebzig Euro müssten reichen.
„Du hast aber auch noch Geld dabei?“, fragte ich meinen Mann.
Er nickte gelassen.
Als die Rechnung schließlich kam, traute ich meinen Augen kaum.
56 Euro.
Für das Essen, das uns vor dem sicheren Hungertod bewahrt hatte, erschien uns das mehr als fair. Also legten wir noch vier Euro Trinkgeld dazu.
Glücklich und satt verließen wir die Bar. Und auch die Bedienung schien zufrieden zu sein.
Warum wohl?
Zurück am Meer
Den Rückweg zum Hotel genossen wir noch einmal mit Blick aufs Meer. Und dann – ganz plötzlich – stand ein Imbisswagen vor uns. Natürlich genau jetzt. Der hätte auch ein paar Stunden früher auftauchen können, dachte ich. Da hätten wir ihn deutlich mehr zu schätzen gewusst. Doch inzwischen näherte sich die Uhr bereits der magischen spanischen Abendessenszeit von 20.00 Uhr.
Eine ruhige Nacht
Zurück im Zimmer dauerte es nicht lange, bis wir uns ins Bett verabschiedeten. Die frische Seeluft und die vielen gelaufenen Kilometer erledigten den Rest. Wir schliefen tief und fest, bis uns der Wecker am nächsten Morgen wieder in die Realität zurückholte.
Frühstück auf Spanisch
Kurz vor 8.00 Uhr gaben wir unseren Koffer an der Rezeption ab und begaben uns in den Frühstücksraum. Mit seinen roten Ledersesseln, den kleinen Tischen und dem gedämpften Licht erinnerte er eher an eine gemütliche Bar als an einen Frühstücksraum.
Das Frühstück selbst war typisch spanisch. Mit anderen Worten: Wer morgens von Wurst, Käse und Rührei träumt, muss seine Erwartungen etwas anpassen. Stattdessen gab es mehr Süßes als Herzhaftes. Uns schmeckte es trotzdem, und die freundliche Bedienung sorgte zusätzlich für einen gelungenen Start in den Tag.
Auf dem Weg
Gut gestärkt schnürten wir anschließend wieder die Wanderschuhe. Die nächste Etappe wartete bereits auf uns und sollte uns nach Güemes führen. Ein neuer Tag, neue Kilometer und bestimmt auch wieder die eine oder andere Überraschung am Wegesrand.
4. Etappe Laredo – Güemes (25 km)
Am Strand entlang nach El Puntal
Wir gehen hinunter zum Strand und werden sofort mit einem herrlichen Panorama belohnt. Vor uns liegen Meer, Sand und eine scheinbar endlose Küstenlinie. Unsere Route führt uns auf der Strandpromenade nach Norden Richtung El Puntal, von wo aus wir mit dem Schiff nach Santoña übersetzen wollen.
Zugegeben, die Versuchung ist groß, einfach die Schuhe auszuziehen und durch den Sand zu laufen. Aber erstens ist es noch etwas frisch, und zweitens klingt Sand zwischen den Zehen beim Wandern romantischer, als es sich nach mehreren Kilometern anfühlt. Also bleiben die Schuhe an den Füßen und wir folgen brav der Promenade.
Kunst aus Sand
Unterwegs entdecken wir eine beeindruckende Sandstadt. Wie viele Stunden Arbeit wohl darin stecken? Aber die Mühe hat sich gelohnt. Hier steht ein kleines Kunstwerk
Außerdem werden wir auf die Feuchtgebiete des Naturparks Marismas de Santoña, Victoria y Joyel aufmerksam. Besonders zwischen Ende Dezember und Januar verwandelt sich die Gegend in ein Paradies für Vogelbeobachter, wenn hier zahlreiche Zugvögel Rast machen.
Warten auf die Fähre
Noch sind die Beine frisch und der Elan groß, sodass wir zügig ausschreiten. In El Puntal angekommen, heißt es allerdings erst einmal warten. Hoffentlich kommt das Schiff überhaupt, denken wir. Außer uns scheint nämlich niemand nach Santoña übersetzen zu wollen.
Doch nach etwa zwanzig Minuten treffen nach und nach weitere Fahrgäste ein. Und kaum fünf Minuten später taucht tatsächlich das Schiff am Horizont auf. Erleichterung macht sich breit. Für gerade einmal 2 Euro pro Person dürfen wir mitfahren und werden sicher nach Santoña gebracht.
Die größte Jakobsmuschel der Reise
Direkt am Anleger erwartet uns bereits die nächste Überraschung: die größte Jakobsmuschel unserer gesamten Pilgerreise. In der Nähe steht das Monumento a Juan de la Cosa. Die Statue wurde zu Ehren des in Santoña geborenen Kapitäns und Begleiters von Christoph Kolumbus errichtet und markiert den Eingang zur historischen Altstadt. De la Cosa zeichnete als Erster eine Weltkarte, auf der die neu entdeckten Gebiete Amerikas verzeichnet waren.
Wir machten natürlich noch einige Fotos, bevor wir unseren Weg fortsetzten. Schließlich begegnet man nicht jeden Tag einem Mann, der schon vor über 500 Jahren wusste, wie man die Welt kartiert.
Immer geradeaus – zumindest theoretisch
Die Strecke durch den Ort ist nicht ausgeschildert. Das macht aber nichts, denn diesmal lautet die Wegbeschreibung erfreulich einfach: immer geradeaus.
Zunächst folgen wir der Calle Santander, dann der Calle Cervantes und schließlich der Calle del Manzanedo. Dieser Straße bleiben wir treu, bis wir den Kreisverkehr mit der Anchovis Skulptur erreichen. Wer sich fragt, warum ausgerechnet eine Sardelle ein Denkmal bekommt: Santoña gilt schließlich als die Anchovis-Hauptstadt Spaniens.
Von dort geht es weiter in die Calle de la Alameda. Hier entdecken wir endlich wieder unsere vertrauten gelben Pfeile. Nach einigen hundert Metern wird die Straße zur Avenida de Berria, und wir wandern am wunderschönen Strand von Berria entlang in Richtung Noja.
Google übernimmt das Kommando
In Noja endet die Freude über die Wegmarkierungen allerdings abrupt. Schilder? Fehlanzeige. Also darf wieder einmal Google Maps die Reiseleitung übernehmen.
Die digitale Helferin lotst uns über die CA-147 in den Stadtteil San Pantaleón. Von dort geht es weiter Richtung San Miguel de Meruelo.
Blütenpracht und Buen Camino
Die Landschaft ist einfach bezaubernd. Überall blühen Blumen und Bäume, die Wege schlängeln sich durch eine herrlich grüne Umgebung, und hinter jeder Kurve wartet ein neues Fotomotiv.
Menschen begegnen wir nur wenigen. Doch wer uns entgegenkommt, grüßt fast immer freundlich mit einem „Buen Camino“. Das gehört auf dem Jakobsweg einfach dazu und zaubert einem selbst nach vielen Kilometern noch ein Lächeln ins Gesicht.
Über Brücken und sanfte Hügel
Nach dem Verlassen von San Miguel de Meruelo begleiten uns wieder die vertrauten gelben Pfeile. Meistens jedenfalls. Gelegentlich verstecken sie sich hinter Bäumen oder Hausecken, sodass man etwas genauer hinschauen muss.
An der Presa de Solorga, einer alten Steinbrücke, überqueren wir den Río Campiazo und biegen in den Barrio Solorga ein. Von dort geht es erst einmal bergauf. Kein dramatischer Anstieg, aber genug, um uns daran zu erinnern, dass ein Jakobsweg selten völlig flach verläuft.
Nach einigen hundert Metern erreichen wir die CA-447, eine wenig befahrene Landstraße. Unterwegs kommen wir am Campingplatz Los Molinos vorbei. Danach folgt der angenehme Teil: Der Weg führt nun wieder bergab. Auf derselben Straße geht es direkt weiter in Richtung Güemes.
Der Wind legt zu
Was am Morgen noch ein angenehmes Lüftchen war, hat sich inzwischen zu einem kräftigen Wind entwickelt. Er bläst uns ordentlich um die Ohren und sorgt dafür, dass wir die Kapuzen etwas fester ziehen.
Die Etappe war insgesamt nicht besonders anspruchsvoll, doch die vielen Kilometer und der stetige Wind machen sich bemerkbar. Unsere Beine werden schwerer und die Vorfreude auf das Tagesziel wächst mit jedem Schritt.
Ankunft in Güemes
Endlich erreichen wir Güemes. Unser Ziel ist das Hotel Rural El Ángel de la Guarda, das an der Kreuzung der Landstraßen CA-447 und CA-443 liegt.
Als das Hotel vor uns auftaucht, sind wir ehrlich gesagt ziemlich froh. Nach 25 Kilometern spielt es keine große Rolle mehr, ob die Etappe schwer oder leicht war – müde ist man am Ende trotzdem.
Vom Wind ins Warme
Wir öffnen die Haustür unseres Hotels und werden fast hineingeweht. Drinnen erwartet uns eine freundliche Gastgeberin, die uns herzlich begrüßt. Und wie so oft auf dieser Reise hat auch unser Koffer den Weg bereits gefunden und wartet geduldig auf uns.
Sie zeigt uns unser Zimmer: hell, freundlich und mit einem Bett, das förmlich ruft: „Legt euch hin, ihr habt es verdient!“ Eine äußerst verlockende Einladung.
Die Sache mit dem Abendessen
Doch zuerst meldet sich ein anderes Bedürfnis zu Wort: der Hunger. Schließlich ist es bereits kurz nach 17.00 Uhr.
Also fragen wir die Besitzerin nach einem Restaurant oder einer Kneipe. Ihre Antwort lautet, dass das Restaurant La Terraza erst um 20.00 Uhr öffnet. Schon wieder diese Zahl! Auf dieser Reise entwickelte sich 20.00 Uhr langsam zu meinem persönlichen Erzfeind.
Etwa 300 Meter weiter gäbe es allerdings noch eine Kneipe. Dort bekämen wir vielleicht etwas zu essen.
Vielleicht.
Nicht gerade das Wort, das hungrige Pilger beruhigt.
Immerhin verrät sie uns noch, dass sich eine Etage höher ein Gemeinschaftsraum befindet, in dem wir uns Tee kochen könnten. Das fanden wir schon einmal sehr positiv. Doch zunächst standen Schuhe ausziehen, Füße hochlegen und ein wohlverdientes Viertelstündchen ausruhen auf dem Programm.
Mission Nahrungssuche
Frisch gemacht und etwas erholt marschieren wir anschließend die Straße entlang zur besagten Kneipe. Sie ist gut besucht, was uns zunächst optimistisch stimmt. Allerdings fällt uns schnell auf, dass niemand einen Teller vor sich stehen hat. Kein gutes Zeichen.
Der Wirt hinter der Theke fragt freundlich nach unseren Wünschen. Als wir erklären, dass wir gerne etwas essen würden, denn auf der Speisekarte entdeckten wir einige sehr verlockende Gerichte, hören wir erneut das gefürchtete Wort:
„20.00 Uhr.“
Natürlich.
Da unsere Spanisch Kenntnisse für eine ausführliche kulinarische Verhandlung nicht ganz ausreichen, holt der Wirt seinen Sohn hinzu, der Englisch spricht.
Rettung in Form eines Baguettes
Wir schildern unsere Lage mit den wichtigsten Vokabeln des Tages:
„Pilger. Jakobsweg. Hunger.“
Der Sohn übersetzt pflichtbewusst. Sein Vater denkt kurz nach und erklärt schließlich, dass er uns zwar kein warmes Abendessen servieren könne, aber ein Baguette mit Salami machen würde.
In diesem Moment klang ein Salamibaguette ungefähr so verlockend wie ein Festmahl in einem Sternerestaurant.
Wir nickten begeistert, bestellten Wein und alkoholfreies Bier und warteten voller Vorfreude auf unsere Rettung in Baguetteform.
Überraschung auf dem Teller
Das erste Glas Wein war bereits fast geleert, als endlich unsere Baguettes serviert wurden. Voller Erwartung blickten wir auf die Teller – und stellten fest, dass die angekündigten Salamibaguettes offenbar eine spontane Verwandlung durchgemacht hatten.
Vor uns lagen ein 2 Käsebaguettes.
Ich muss gestehen, dass mich das zunächst ein wenig enttäuschte. Schließlich hatten wir genau so ein Käsebaguette bereits als Proviant dabei gehabt. Die kulinarische Abwechslung hielt sich also in überschaubaren Grenzen.
Andererseits gilt auf dem Jakobsweg eine einfache Regel: Wer wirklich Hunger hat, wird erstaunlich anspruchslos. Also bissen wir beherzt hinein. Und tatsächlich – es schmeckte gar nicht schlecht. Vor allem aber erfüllte es seinen wichtigsten Zweck: Der Hunger war gestillt.
Die Entdeckung des Hausweins
Während ich mich mit meinem Käsebaguette arrangierte, hatte mein Mann längst einen anderen Favoriten des Abends gefunden: den Hauswein.
Der schien seine Erwartungen deutlich mehr zu erfüllen als mein Baguette die meinen. Nach dem ersten Glas stand für ihn schnell fest, dass ein zweites und wahrscheinlich noch ein drittes unbedingt wissenschaftlich notwendig waren. Man muss schließlich überprüfen, ob die hohe Qualität auch konstant bleibt.
Das Ergebnis dieser eingehenden Untersuchung war eindeutig positiv. Und das zu einem wirklich tollen Preis. Euro 1,50 für ein Glas. So saßen wir noch eine Weile gemütlich zusammen, genossen den Abend und waren einfach froh, nach einem langen Wandertag etwas im Magen und ein Dach über dem Kopf zu haben.
Ein gemütlicher Tagesausklang
Auf dem Rückweg zum Hotel schlenderten wir noch ein wenig durch das Dorf. Viel los war nicht, und der inzwischen kräftige Wind sorgte dafür, dass unser Spaziergang kürzer ausfiel als ursprünglich geplant. Irgendwann gewann die Vernunft gegen den Entdeckergeist, und wir machten uns auf den Rückweg.
Doch bevor der Tag für mich enden konnte, fehlte noch etwas ganz Wichtiges: ein heißer Tee.
Eine Überraschung unterm Dach
Also stiegen wir noch eine Etage höher in den Gemeinschaftsraum, den uns die Besitzerin empfohlen hatte. Was uns dort erwartete, übertraf unsere Vorstellungen bei weitem.
Der ehemalige Speicher war zu einem richtigen Wohlfühlort ausgebaut worden. Es gab eine Hängematte, in der man vermutlich ganze Nachmittage hätte verträumen können, eine kleine Bar mit verschiedenen Teesorten, eine Bücherwand voller Lesestoff und eine gemütliche Couch zum Entspannen. Man hätte hier gemütliche Stunden verbringen können.
Tee, Ruhe und süße Träume
Wir bereiteten uns einen Tee zu und genossen die friedliche Atmosphäre. Nach Wind, Kilometern und Käsebaguette fühlte sich dieser Ort wie eine kleine Belohnung an.
Eine Weile saßen wir einfach nur da, ließen den Tag Revue passieren und genossen die Ruhe. Danach zogen wir uns auf unser Zimmer zurück.
Lange dauerte es nicht, bis uns die Müdigkeit einholte. Kaum lagen wir im Bett, nahm uns Morpheus freundlich in Empfang und schickte uns auf direktem Weg ins Land der Träume.
5. Etappe von Güemes nach Santander
Frühstück superb
Ausgeruht und bestens erholt machten wir uns auf den Weg zum Frühstücksraum. Und was uns dort erwartete, war kein gewöhnliches, sondern ein opulentes Frühstück. Es gab Wurst, Käse, warme Tortilla, Saft, frisches Brot, Kuchen und jede Menge süße Versuchungen. Dazu einen ausgesprochen leckeren Kaffee. Natürlich griffen wir kräftig zu – schließlich musste die Verpflegung eine ganze Weile vorhalten.
Und es schmeckte hervorragend.
Die Küstenroute lockt
Für heute empfahl uns Orbis Ways die Küstenvariante des Jakobswegs. Sie führt entlang der Klippen, soll angeblich keine nennenswerten Steigungen haben – wir nahmen diese Aussage mit einer gesunden Portion Skepsis zur Kenntnis – und bietet dafür spektakuläre Ausblicke auf Meer und Küste. Mit gerade einmal 3,6 Kilometern mehr als die offizielle Route war die Entscheidung schnell gefallen. Meer, Sand und Strand sind schließlich jeden Extrakilometer wert.
Nach dem Frühstück packten wir unsere Sachen. Der Koffer war bereits auf dem Weg zum nächsten Ziel, der Pilgerpass frisch gestempelt. Unsere Gastgeber verabschiedeten uns herzlich, und wir waren uns einig: Hier hätten wir es durchaus noch etwas länger ausgehalten.
Unterwegs Richtung Biskaya
Wir verließen Güemes auf der Landstraße CA-443 in nordwestlicher Richtung. Der Weg führte durch sanfte Hügellandschaften bis nach Linderrio. Knapp einem Kilometer später überquerten wir die CA-141 und erreichten den Ort Galizano.
Da vermutlich später auf dem Küstenweg keine weitere Einkehrmöglichkeit mehr zu finden sein würde, beschlossen wir, noch einmal vernünftig vorzusorgen. Also legten wir eine Pause in einem Café ein. Man weiß ja nie, wann die nächste Gelegenheit auf einen Kaffee, ein kühles Getränk oder eine dringend benötigte Sitzgelegenheit kommt.
Küstenkino vom Feinsten
Nach unserer Pause durchquerten wir Galizano und wanderten auf Feldwegen weiter nach Norden. Irgendwie fühlte ich mich plötzlich ans Allgäu erinnert. Sanfte Hügel, saftig grüne Wiesen und in der Ferne ein Gebirgszug – nur dass hier statt Kuhglocken das Meer die Hauptrolle spielte.
Unser Weg stieg langsam an und führte uns schließlich zum Playa de Arenillas, wo wir auf den Küstenweg abbogen. Von dort boten sich immer wieder fantastische Ausblicke. Tief unter uns lag der Playa de Langre, eingerahmt von beeindruckenden Steilküsten. Eine Felsformation erinnerte uns sogar ein wenig an die berühmten Cliffs of Moher in Irland. Und etwas weiter draußen grüßte das Kap von Galizano.
Wir durchquerten das Wandergebiet La Pata de Dragón und erklommen die Plattform des Mirador de la Torre. Von dort konnten wir bereits den Leuchtturm Faro de Mouro und in der Ferne sogar Santander erkennen. Das Ziel rückte also langsam, aber sicher näher.
Auch mal ein eigener Wille
Die vorgeschlagene Route von Orbis Ways führte über eine Straße nach Loredo und dann nach Somo, wo wir anschließend das Boot nach Santander nehmen sollten. Wir entschieden uns jedoch für die landschaftlich reizvollere Variante und marschierten lieber durch die Dünen. Auch wenn es etwas weiter war.
Über eine Treppe gelangten wir hinunter an den Strand von Loredo. Zwar war die Flut bereits im Anmarsch, doch der Strand war immer noch angenehm breit. Außerdem ließ es sich auf dem festen, feuchten Sand wunderbar laufen. Nach den vielen Kilometern auf Asphalt und Schotter war es fast fast wie Wellness für Pilgerfüße an.
Abschied vom Strand
Mit einem weinenden und einem lachenden Auge verließen wir den Strand.
Weinend, weil wir nun wieder auf der Straße statt am Meer unterwegs waren. Lachend, weil Santander inzwischen zum Greifen nah schien. Nach all den Kilometern der vergangenen Tage war das ein schönes Gefühl.
Wir bogen in den Paseo Marítimo del Muelle ein und folgten der Promenade bis zur Mole. Dort wartete bereits die nächste kleine Herausforderung: den passenden Fahrplan zu finden. Zum Glück erbarmte sich eine freundliche Dame unser und erklärte uns, welches Schiff wir nach Santander nehmen mussten. Offenbar waren wir nicht die Einzigen, die den Fahrplan etwas kryptisch fanden.
Die Überquerung der Bucht dauerte nicht lange. kurze Zeit später legten wir in Santander an. Natürlich kam nun wieder unser treuer Reisebegleiter zum Einsatz: Google Maps. Mit dessen Hilfe fanden wir problemlos den Weg. Erst entlang der Hafenpromenade, dann in die Calle Muelle de Calderón und nur wenig später standen wir vor dem Hotel ABBA Santander.
Geschafft! Die letzte Etappe lag hinter uns, und ein wenig stolz waren wir schon auf uns.
Endlich angekommen
Wir wurden wieder sehr freundlich empfangen. Der Rezeptionist fragte nach unseren Pilgerpässen und versah sie gewissenhaft mit dem nächsten Stempel. Doch eine viel wichtigere Frage beschäftigte uns in diesem Moment:
War unser Koffer schon da?
Da wir heute nur rund 20 Kilometer gelaufen waren und deutlich früher ankamen, als an den Vortagen, standen die Chancen nicht schlecht. Aber auch dieses Mal war er schneller gewesen. Mit einem Lächeln zog der Rezeptionist ihn hinter dem Tresen hervor. Die Erleichterung war groß. Man hängt ja doch an seinen Habseligkeiten – vor allem, wenn frische Kleidung darin steckt.
Mit Schlüsselkarte und Koffer machten wir uns auf den Weg zu unserem Zimmer. 4. Etage. Als wären wir an diesem Tag nicht schon genug gelaufen. Zum Glück funktionierte der Aufzug. Doch für mich war er zu klein. Deshalb schleppte ich mich die Treppen nach oben.
Das Zimmer war bereits bezugsfertig. Also folgte das inzwischen lieb gewonnene Ankunftsritual: Jacke aus, Schuhe aus, aufs Bett fallen und die Füße hochlegen. Für einen kurzen Moment bewegten wir uns keinen Zentimeter mehr.
Belohnung für müde Pilger
Doch lange hielt die Ruhe nicht an. Hunger und Durst meldeten sich lautstark zu Wort. Bereits zu Hause hatte ich das Restaurant La Barruca de Calderón herausgesucht. Der Weg dorthin war erfreulich unkompliziert: aus dem Hotel heraus, über die Straße – angekommen.
Und die Wahl erwies sich als Volltreffer. Wir bestellten Burger, eine Salat-Bowl mit Garnelen und Baguette, dazu zwei herrlich kalte Biere. Als Krönung gönnten wir uns noch Tarta de Queso mit Erdbeerpüree sowie zwei Espressi.
Spätestens jetzt waren die Strapazen der vergangenen Tage vergessen. Wir saßen zufrieden da, genossen das Essen und hatten das wunderbare Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein.
Erste Eindrücke von Santander
Gut gestärkt machten wir uns anschließend wieder auf den Weg. Bevor wir zum Hotel zurückkehrten, kauften wir noch ausreichend Wasser für den Abend und den nächsten Tag. Anschließend schlenderten wir über den Platz zum Busbahnhof. Schließlich wollten wir die Heimreise nicht dem Zufall überlassen.
Für den nächsten Tag stand zunächst die Fahrt nach Bilbao auf dem Programm, von dort sollte es mit dem Flughafenbus weiter zum Flughafen gehen. Unser Flieger startete erst um 18:50 Uhr. Nach einer kurzen Überschlagsrechnung kamen wir zu dem Ergebnis, dass wir für die gesamte Strecke ungefähr eineinhalb Stunden benötigen würden.
Also kauften wir vorsorglich Fahrkarten für die Mittagsverbindung. Man weiß ja nie, welche Überraschungen der öffentliche Nahverkehr oder der Urlaubsgott noch bereithalten. Außerdem hatte diese Planung einen entscheidenden Vorteil: Wir konnten den nächsten Vormittag ganz entspannt für ein Sightseeing in Santander nutzen.
Unser Tipp: Ein kleines Erste-Hilfe-Set gehört in jeden Rucksack
Zum Glück mussten wir unser Erste-Hilfe-Set bisher noch nie benutzen – und wir hoffen natürlich, dass das auch so bleibt. Trotzdem gehört es bei uns auf jede Wanderung dazu, egal ob auf dem Jakobsweg oder bei einer kleinen Tour daheim.
Eine Blase, ein aufgeschürftes Knie oder ein kleiner Schnitt sind schnell passiert. Dann ist es beruhigend, wenn man Pflaster, Verband und das Wichtigste sofort griffbereit hat. Das Set ist leicht, kompakt und nimmt im Rucksack kaum Platz weg – genau deshalb ist es bei uns immer dabei.
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Ein letzter Urlaubstag – Spaziergang in Santander
Wir standen früh auf, genossen das internationale Frühstücksbuffet im Hotel und machten uns anschließend auf den Weg, um Santander noch ein wenig zu erkunden.
Santander, die Hauptstadt Kantabriens, liegt an einer der schönsten Buchten der Welt, der Bahía de Santander, direkt am Golf von Biskaya. In der Stadt vereint sind königliche Vergangenheit, kilometerlange Sandstrände und eine Gastronomie, die sehr geschätzt wird. Zudem gilt sie als eine der sichersten und lebenswertesten Städte Spaniens. Und auch das Klima meinte es gut mit uns: deutlich milder als in vielen Regionen Südspaniens.
Ohne Plan unterwegs
Wie so oft gefielen uns die ungeplanten Spaziergänge am besten. Wir schlenderten ohne festes Ziel durch die Jardines de Pereda, machten Fotos und ließen die Atmosphäre auf uns wirken. Mal hier stehen bleiben, mal dort schauen – schließlich musste an diesem Tag kein Pilgerziel mehr erreicht werden.
Und plötzlich standen wir vor der Catedral Nuestra Señora de la Asunción.
Die Kathedrale von Santander
Die gotische Kathedrale besitzt eine beeindruckende Krypta, an die sich ein Kreuzweg anschließt. Nach dem verheerenden Großbrand im Jahr 1941 wurde sie weitgehend zerstört. Als eines der bedeutendsten Bauwerke der Stadt wurde sie jedoch wieder aufgebaut und rekonstruiert.
Wir traten ein und waren beeindruckt von ihrer schlichten Schönheit und der besonderen Atmosphäre. Es sind oft genau diese Orte, an denen man automatisch etwas langsamer wird und einen Moment innehält.
Als wir die Kathedrale wieder verließen, entdeckten wir in einiger Entfernung den Turm der Iglesia del Sagrado Corazón de Jesús. Also gingen wir weiter – neugierig, was Santander noch alles für uns bereithielt.
Abschied von Santander
Ein Blick auf die Uhr erinnerte uns allerdings daran, dass es Zeit war umzukehren. Um 11.00 Uhr mussten wir unser Zimmer räumen. Da wir uns unterwegs etwas vertrödelt hatten – schließlich verabschiedet man sich nicht jeden Tag von so einem schönen Ort – marschierten wir nun zügig Richtung Hotel. Pünktlich gaben wir unsere Schlüsselkarte ab.
Bis unser Bus nach Bilbao fuhr, blieb noch genügend Zeit für einen entspannten Abschiedstrunk. Da wir mit dem „La Barruca de Calderón“ bereits beste Erfahrungen gemacht hatten, suchten wir uns einen Tisch im Außenbereich. Mit zwei kühlen Bieren in der Hand ließen wir die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren. Uns war klar: Der Tag würde noch lang werden.
Die Heimreise beginnt
Der Bus startete pünktlich am Busbahnhof und wir genossen die Fahrt fast wie eine kleine zusätzliche Stadtrundfahrt. Wir fuhren rund um die Bucht, die wir am Vortag noch mit der Fähre überquert hatten, und entdeckten dabei noch einige schöne Ecken. Nach fast zwei Stunden erreichten wir den Busbahnhof in Bilbao. Nach kurzer Suche – natürlich durfte zum Abschluss noch einmal das obligatorische „Wo müssen wir jetzt hin?“ nicht fehlen – fanden wir den Bus zum Flughafen.
Auch dort lief alles wie am Schnürchen. Nach kurzer Wartezeit ging es weiter zum Flughafen, unser Flug startete pünktlich und ohne besondere Vorkommnisse landeten wir nach 21.00 Uhr in München. Der Bus der Firma Irl wartete bereits, brachte uns zuverlässig zu unserem Auto und kurz nach Mitternacht waren wir wieder zu Hause.
Abschied – aber nur vorerst
Damit ging ein wunderschönes Abenteuer zu Ende – und wie so oft blieb am Schluss die Erkenntnis: Die Koffer sind zwar ausgepackt, die Erinnerungen werden bleiben.
Aber das wird ganz sicher nicht unser letzter Jakobsweg gewesen sein. Die nächste Etappe steht bereits fest: Wir werden den Weg von Santiago de Compostela bis nach Finisterre gehen – dorthin, wo für viele Pilger der eigentliche Abschluss ihrer Reise liegt. Und natürlich werden wir auch diesmal wieder mit Orbis Ways unterwegs sein.
Resümee:
Der Jakobsweg ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Besonders der nördliche Jakobsweg begeistert mit seiner beeindruckenden Landschaft, der Nähe zum Meer und den immer wieder atemberaubenden Ausblicken. Zudem waren wir auf vielen Etappen fast allein unterwegs. Den Pilgern, denen wir begegneten, hatten alle eins gemeinsam: ein freundliches „Buen Camino“
Wir wussten vor Beginn nicht genau, was auf uns zukommen würde. An manchen Tagen haben wir uns regelrecht den Berg hinaufgeschleppt und mehr als einmal dachten wir: „Ich setze mich jetzt hin und gehe keinen Schritt mehr.“ Aber wir haben jede einzelne Etappe gemeistert und waren am Ende unglaublich stolz auf uns.
Die Entscheidung für Orbis Ways erwies sich als echter Glücksgriff. Alles, was organisiert worden war, funktionierte reibungslos und die Unterkünfte waren durchweg gut gewählt. Am besten gefiel es uns jedoch in Güemes bei unserem „Schutzengel“. Dort fühlten wir uns vom ersten Moment an herzlich willkommen. Die Gastgeber waren ausgesprochen warmherzig und sorgten dafür, dass dieser Ort für uns unvergesslich bleibt.
Tipps – nicht nur gut gemeint, sondern wirklich hilfreich:
Man sollte auf die Empfehlungen von Orbis Ways hören, wenn sie von etwas abraten oder Hinweise geben – die Mitarbeiter kennen die Strecke und wissen, wovon sie sprechen.
Wir waren mit gut eingelaufenen Wanderschuhen unterwegs und blieben glücklicherweise von Blasen verschont. Außerdem gönnten wir unseren müden und schmerzenden Füßen jeden Abend eine kleine Wellnessbehandlung mit Arnikasalbe – eine Wohltat nach langen Etappen.
Ein weiterer wichtiger Tipp: Nehmt im Rucksack wirklich nur das Nötigste mit. Glaubt uns, jedes zusätzliche Gramm macht sich bemerkbar, denn der Rucksack wird mit jedem Kilometer gefühlt schwerer.
Und nun wünschen wir allen, denen wir mit unserem Bericht Lust auf diese wunderschöne Strecke gemacht haben, ein herzliches:
Buen Camino!
Viele (aber nicht alle und auf dieser Wanderung gar keine) unserer Fotos machen wir mit der EOS R10 von Canon. Wir verwenden Sie im Moment mit dem mitgelieferten RF-S 18-45mm F4.5-6.3 is STM Zoomobjektiv.
Und wir lernen die Möglichkeiten dieser tollen Kamera gerade erst kennen. Gekauft haben wir sie hier.
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Petra und Harald Graf